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Österreich vergibt mit dem Geburtshaus von Hitler eine wichtige Chance

Mit dem heute veröffentlichten Abschlussbericht der Kommission zum historisch korrekten Umgang mit dem Geburtshaus Adolf Hitlers scheint die Republik eine Chance zu vertun. Die Debatte, die jetzt rund um diesen Bericht entsteht, ist bezeichnend für den Umgang mit dem Holocaust und der NS-Vergangenheit in Österreich. Ein Abriss des Hauses, was Minister Sobotka wahrscheinlich am liebsten wäre, steht meines Erachtens völlig außer Frage. Gerade das würde Alt- und Neonazis darin bestärken sich als Opfer zu fühlen. (Wovon genau sie Opfer sind, wissen sie dabei selbst nie so genau.) Und unter einer „tiefgreifende[n] architektonische Umgestaltung […], die dem Gebäude den Wiedererkennungswert und damit die Symbolkraft entzieht“, wie es im Bericht heißt, kann man sich alles und nichts vorstellen. Wichtig ist nur, dass die Bausubstanz erhalten bleibt und gerade weil sie in Verbindung mit Adolf Hitler steht, was aber in einem entscheidenden Punkt der Aufgabe der Kommission widerspricht. Diese musste nämlich unter anderem beantworten, wie es zu bewerkstelligen wäre, dass einer „dauerhaft betonten Verbindung mit der Person Hitlers entgegengewirkt wird“. Es ist bezeichnend, dass das ein zentrales Anliegen des Innenministeriums war. Die Verbindung dieses Hauses und Österreichs insgesamt mit Hitler ist ein Fakt. Will man nun dieser Verbindung „entgegenwirken“, ist das ein weiterer Schritt in der Abwehr der historischen und gegenwärtigen Verantwortung Österreichs im Hinblick auf die NS-Vergangenheit und den Holocaust.

Die bevorzugte Lösung der Kommission ist eine „sozial-karitative oder behördlich-administrative Nutzung“ um „dieses Objekt keiner Nutzung zuzuführen, die eine weitere Assoziierung mit der Person Hitlers oder Identifikation mit dem Nationalsozialismus in irgendeiner Form begünstigen könnte“. Damit dieser Umstand erfüllt wird, wird von einer musealen Nutzung des Hauses abgeraten. Ein Museum, mit welchem Themenschwerpunkt auch immer, scheint dabei tatsächlich mit Schwierigkeiten behaftet zu sein. Viel zu einfach könnten Alt- und Neonazis, überhaupt wenn auch eindeutige NS-Symbolik Teil des Museums wären, dann das Haus wirklich zur Befriedigung ihres Führerkults verwenden. Aber die Argumentation, dass eine sozial-karitative Nutzung „ein lebensbejahendes Zeichen [wäre] und einen Kontrapunkt zu den von Hitler begangenen Verbrechen setzen“ würde, ist scheinheilig. Mit dieser Argumentation könnte man auch sagen, dass die Nationalbibliothek in der Hofburg, direkt unter dem berühmten Balkon, ein Kontrapunkt zur NS-Herrschaft ist, da diese ein Ort der freien Gedanken ist. Stimmt schon, aber überzeugend ist das meiner Meinung nach nicht. (Und die Idee das Haus als Amt oder Polizeistation (!) zu nutzen kann wohl auch nicht ernst gemeint sein.)

Ein wirkliches Zeichen dafür, dass Österreich den Umgang mit seiner Geschichte ernst nimmt, wäre ein offenes Forschungszentrum finanziert von der öffentlichen Hand. Zwar gibt es z.B. das Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (von Bund und Ländern finanziert) oder auch den Verein erinnern.at, aber prominent in der Öffentlichkeit vertreten sind diese nicht. Die Aufmerksamkeit die das Geburtshaus von Adolf Hitler erhält, könnte dafür genutzt werden die Forschung weiter voran zu bringen.
Natürlich ist auch das Konzept von Andreas Maislinger mit dem „Haus der Verantwortung“ eine gute Idee, allerdings gibt es in der Forschung, mit Hinblick auf Österreich, noch riesige Lücken, die mit einem Forschungszentrum allmählich gefüllt werden könnten. Diese Nutzung steht auch der Idee nicht im Weg, dass sich Jugendliche aus aller Welt dort treffen und über Freiheit, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit nachdenken. Im Gegenteil könnten dort tätige Forscher mit eben diesen Jugendlichen Workshops veranstalten die am Puls der Forschung sind. Außerdem könnte man Herrn Sobotka nahelegen mal bei der European Holocaust Research Infrastructure (finanziert von der EU) nachzufragen, was man mit dem Haus machen könnte. Ich kann mir vorstellen, es würde auch dort ein, zwei Ideen dafür geben.

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Von Viren und Strömen

„Die Entdeckung des jüdischen Virus ist eine der größten Revolutionen der Weltgeschichte. Der Kampf, in dem wir heute stehen, ist von ähnlicher Art wie der von Pasteur und Koch im letzten Jahrhundert. Es gibt unzählige Krankheiten, die vom jüdischen Virus verursacht sind… Wir werden unsere Gesundheit nur wieder herstellen, wenn die Juden beseitigt werden“, meinte Adolf Hitler im Jahr 1942.
So wie die Juden  und Jüdinnen hier von Hitler definiert wurden, wurden sie vom nationalsozialistischen Terrorsystem auch behandelt. Als ein Virus, den man ausrotten muss. Daher wurde die Judenvernichtung auch als „Gesundung“ oder „Selbstreinigung“ bezeichnet. (ebd.) Eine offene Frage dabei ist für mich, ob die Verfolgung der „Endlösung“ so vehement betrieben wurde, weil das Gefühl, das der Hitler’schen Definition zugrunde liegt, schon unausgesprochen da war oder ob nicht die sprachliche Fixierung die Art und Weise wie mit den Juden umgegangen wurde angeleitet und gelenkt hat.
Was mich in die Gegenwart bringt. Die Definition der Menschen, die sich in Richtung Europa aufmachen als „Flüchtlingsstrom“ erfüllt viele Zwecke. Die Menschen bleiben anonym, es kommen keine Individuen in den Blick; sie werden auch entmenschlicht, was einer möglichen Regung von Empathie Vorschub leistet. Weiter ist ein Storm etwas natürliches, was in seinem Ursprung so gut wie nicht zu kontrollieren ist. Die „Quelle“ des „Flüchtlingsstroms“ wäre aber sehr wohl zu „kontrollieren“.
Allerdings stellt sich mir noch eine Frage. Wenn diese Menschen nun im Kollektiv als „Strom“ bezeichnet werden, orientieren sich dann daran auch die Strategien wie mit diesem „Strom“ umegangen werden soll und wird? Oder kam die Definition erst im Nachhinein? Was fungiert hier als handlungsanleitend? Leider erinnert mich die Politik in Bezug auf die Flüchtlinge genau daran. Ein Fluss, also wohl das erste Bild das einem zu „Strom“einfällt, kann aufgestaut werden (siehe Jordanien/ Türkei/ Griechenland/Calais /etc), er kann außerdem umgeleitet werden (siehe Schließung der „Balkan-Route“) und er kann – und das ist leider am zynischsten – auch so umgeleitet werden, dass er im Meer mündet. Diese Parallelen haben mich eben etwas schockiert und verwundert. Wenn unsere Politiker/innen diese Menschen als „Strom“ sehen, greifen sie dann – und vielleicht deswegen – zu den „Lösungen“ die sie uns im Moment präsentieren?

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Holocausterfahrung wird wahrscheinlich über Gene weitergegeben

Dass die Kinder und Enkelkinder von Opfern (und Täter/innen) des Holocaust psychische Probleme aufgrund der Erlebnisse ihrer Vorfahren haben, ist schon länger bekannt. Das häufigste Argument hierzu ist, dass das Schweigen über die Geschehnisse eine Lücke lässt und diese dann mit Hilfe der Phantasie aufgefüllt werden. Das Nicht-Aufarbeiten der Überlebenden hat also auch direkte Auswirkungen auf die Nachgeborenen.

Eine neue Studie lässt es jetzt als sehr wahrscheinlich gelten, dass sich der Holocaust auch in den Genen niederschlägt und diese dann an die Kinder weitergegben werden. Diese Erkenntnis ist nicht nur für die Erforschung des Holocaust wichtig, sondern auch im Allgemeinen für die Forschung in der Epigenetik. Die Epigenetik beschäftigt sich damit wie Umwelteinflüsse die Gene „verändern“ (sorry, bin kein Biologe) und wie diese sich geänderten Gene an die nächste Generation weitergegeben werden.

Dieses Ergebnis ist meiner Meinung nach ein gewichtiges Argument dafür, dass die Bearbeitung und Thematisierung des Holocaust noch lange nicht beendet werden sollte und darf. Denn es zeigt sich, dass er uns auch heute noch betrifft und den Nachkommen der Opfer hat er sich anscheinend in den Körper geschrieben.

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Das Problem der Ikonographie des Holocaust

Tor Buchenwald

Vor kurzem habe ich an der Uni mein Vorhaben für meine Masterarbeit präsentiert mit der Bitte um Kritk und Hilfe. Zentral bei meiner Arbeit werden Gruppendiskussionen mit „jungen“ Österreicher/innen sein, wobei das genau Alter hier noch definiert werden muss. Nun sieht die Dokumentarische Methode der Gruppendiskussion vor, dass zu Beginn von der Diskussionleitung ein kurzer Impuls gegeben wird und sich danach die Gruppe selbst strukturiert und sich die Themen selbst vorgibt. Damit soll erreicht werden, dass die latenten Strukturen der Teilnehmer/innen erkennbar werden und nicht Themen und Strukturen von der Diskussionleitung eingebracht werden.

Haupttor AuschwitzMeine erste Idee war, in Anlehnung an die Studien aus „Der Krieg der Erinnerung“ (2007), den Teilnehmer/innen verschiedene Bilder aus und über den Holocaust vorzulegen, um sie danach schlicht zu fragen, was ihnen dazu einfällt. Allerdings hat sich während der Vorstellung meines Vorhabens gezeigt, dass das vielleicht keine allzu gute Idee ist. Wir alle kennen die Bilder, die ich gefunden habe und bei denen ich darüber nachdachte, ob ich sie verwenden soll. Wir haben diese Bilder wahrscheinlich im Kontext von Schulbüchern oder von Dokumentationen gesehen, was auch gleichzeitig bedeutet, dass uns Erklärungen, Einordnungen und Bedeutungen mit diesen Bildern mitgeliefert wurden. Die Gefahr ist also, dass durch das zeigen dieser Bilder nur das kulturelle Gedächtnis, das erlernte Wissen über den Holocaust, als ob er eine Faktizität an sich besitzen würde, abgefragt werden könnte. Dass die Gruppendiskussionsteilnehmer/innen also nur wiederholen, was sie als angemessen betrachten. Dadurch wird allerdings eine Distanz zum Thema aufgebaut und die aktuelle Bedeutung des Holocaust kann so verschüttet werden.
Leichen in Bergen-BelsenEine Kollegin von mir hat diese Bedenken mit der Aussage „Was gibt es da schon zu sagen? Es war schrecklich.“ auch gleich bestätigt. Natürlich hat sie recht damit, dass der Holocaust schrecklich war, allerdings hat er auch eine darüber hinausgehende Bedeutung. Wenn also diese Bilder, die ihre eigene Ikonographie gleich mitliefern, zu Beginn der Diskussion gezeigt werden, dürfte es relativ schwierig sein, dass die Teilnehmer/innen auf aktuelle und persönliche Bezugnahmen zurückgreifen. Wir, die Nachfolgegenerationen der Täter/innengesellschaft, sind, ob wir wollen oder nicht, mehr oder weniger persönlich mit der Vernichtung von Millionen von Menschen verbunden.

Mahnmal BerlinDaher werde ich wohl nicht solche Bilder wählen, um die Diskussion zu eröffnen. Eine andere Strategie könnte sein Bilder zu zeigen, die den aktuellen Bezug zum Holocaust schon in sich tragen. So zum Beispiel ein Bild des Mahnmals in Berlin oder ein Bild von Stolpersteinen. Aber hier ergibt sich wahrscheinlich ein ähnliches Problem wie mit den Bildern aus der Zeit des Holocaust selbst. Vielleicht werden durch diese Bilder nur Bezugnahmen auf den offziellen Umgang mit dem Holocaust aktiviert, womit wieder eigene latente Strukturen daran gehindert werden könnten zum Thema zu werden.
Eine weitere Varainte die wir im Seminar diskutiert haben ist, ein Statement einer soziologischen Theorie über den Holocaust kurz vorzustellen, um die Teilnehmer/innen danach zu fragen, was sie davon halten. Etwa in der Art „Zygmunt Bauman meint, dass der Holocaust nur in unserer modernen Zeit möglich war. Er behauptet, dass wir ein starkes Bedürfnis danach haben die Welt zu ordnen, um somit Orientierung zu erreichen. Alles was nicht geordnet werden konnte haben die Nationalsozialisten auf die Juden und andere Gruppen übertragen, wodurch sie deren Vernichtung legitimiert haben.“ Zugegeben ist das sehr zugespitzt formuliert. Allerdings verbinde ich damit die Hoffnung, dass die Teilnehmer/innen zu dieser Aussage erstmal auf Distanz gehen und Gegenargumente liefern. Was wohl den Ausdruck von gelerntem Wissen über den Holocaust, als auch eine persönliche Einstellung dazu provozieren dürfte.

Ich werde diese Fragen noch mit einem Experten für Gruppendiskussionen an der Uni diskutieren. Allerdings würde ich mich auch hier über Anregungen und Vorschläge freuen.

Literatur:
– Welzer, Harald. 2007. Der Krieg der Erinnerung: Holocaust, Kollaboration und Widerstand im europäischen Gedächtnis. 1. Aufl. Frankfurt am Main: FISCHER Taschenbuch.

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Die Nazis, die Ambivalenz und Wir (Teil 2)

Vorausgesetzt wir können uns noch immer darauf einigen, dass die Nazis den Versuch unternahmen, die Ambivalenz auf die Juden zu projizieren um danach durch die Vernichtung der Juden, die Vernichtung der Ambivalenz zu versuchen, können wir auch sagen, dass die Nazis Ordnung dadurch herstellen wollten, Differenzen als solche kenntlich zu machen. In dieser Denkweise ist aber bereits die Identifikation der Differenz mit dem Unbehagen dieser Differenz gegenüber behaftet. Die Trennlinie zu ihr definiert im Negativ die „Normalität“ und somit die Ordnung. Alles jenseits dieser Trennlinie ist anormal also zumindest ärgerlich. Die ordnungssetzende Instanz (die Mächtigen) kann nun versuchen das Differente aktiv einzugliedern, dem Differenten das Angebot zur eigenen Eingliederung zu machen, es ignorieren oder es zerstören. Da aber die Definition des Normalen, des Geordneten, eine negative ist, kann es ohne dieses Differente nicht bestimmt werden. Könnte es die Gesamtheit der Differenz eingliedern, ignorieren oder zerstören würde nichts übrig bleiben, um sich selbst zu definieren. Implizit, manche der ProtagonistInnen des „Projekts der Moderne“ wussten (bzw. wissen) es vielleicht auch explizit, war dem Projekt der Moderne immer eingeschrieben, dass eine völlige Eingliederung des Differenten bzw. dessen Vernichtung, also eine vollständigen Klassifikation der Welt, gar nicht zur Erfüllung gelangen konnte, wollte es sich nicht selbst absetzen. In diesem Sinn ist die angeblich von Hitler geäußerte Aussage (ich bin mir hier der Quellenlage nicht sicher) „Hätte es die Juden nicht gegeben, wir, die Nationalsozialisten, hätten sie erfinden müssen“ zu verstehen.
Die Juden wurden von diesem Versuch eine Ordnung zu schaffen am extremsten getroffen. Sie, und die anderen Opfer, denen der Vorwurf gemacht wurde das Differente und somit das Nicht-zu-Akzeptierende zu verkörpern, mussten für das Heilsversprechen der ordnungssetzenden Instanz leiden. Dass der Versuch Ordnung zu schaffen von vornherein aufgrund seiner inneren Beschaffenheit zum scheitern verurteilt war spielt in seiner Konsequenz keine Rolle.

Nun sind wir in unserer Zeit noch immer mit Ambivalenz konfrontiert. Zygmunt Bauman argumentiert aber, dass sich die Postmoderne vor allem dadurch auszeichnet, dass sie ein Bewusstsein davon hat, dass diese Ambivalenz nicht auszulöschen ist Ambivalenz ist ein Nebenprodukt der Arbeit der Klassifikation; und sie verlangt nach immer mehr Bemühung um Klassifikation.“ Da allerdings auch sicher zu sein scheint, dass wir Menschen Ordnung, die durch Klassifikation hergestellt wird, in unserem Leben brauchen, um Handlungssicherheit zu haben und wir ohne Handlungssicherheit schier verrückt werden, müssen wir in diesem selbst ambivalenten Zustand, nämlich zu erkennen, dass wir die Ambivalenz nur schwer aushalten, wir sie aber auch nicht mit den bereits probierten und gescheiterten Methoden ausmerzen können, verharren müssen. Es scheint so zu sein, dass die postmoderne Antwort auf die Ambivalenz die Toleranz ist. Allerdings ist Toleranz auch keine wirklich gute Kandidatin unser Unbehagen gegenüber der Ambivalenz und somit der Kontingenz der Welt an sich im Zaum zu halten. Toleranz bedeutet nämlich nicht, dass man das Differente als gleichwertig dem Eigenen sieht, sondern lediglich nur, dass man das Differente sein lässt. Daher ist die Toleranz auch nicht das Heilmittel für unsere Herausforderungen, welches für uns von den Medien und der Öffentlichkeit so beworben wird. Mit der Toleranz haben wir die Skepsis gegenüber dem Differenten nicht abgelegt, was zur Folge hat, dass wir sehr schnell wieder in die Versuchung kommen können, das Differente doch zu ändern. Schließlich erfüllt die Toleranz, die die Ignoranz meist im Schlepptau hat, noch immer das Bedürfnis nach Abgrenzung. Denn:

„Toleranz impliziert, daß die tolerierte Sache moralisch tadelnswert ist. Weiterhin, daß sie änderbar ist. Von Toleranz gegenüber einem anderen zu reden, impliziert, daß es gegen ihn spricht, daß er jene Eigenschaften nicht ändert, die Gegenstand der Toleranz sind.“

Im besten Fall bedeutet Toleranz also Gleichgültigkeit. Sobald diese allerdings auf die Probe gestellt wird und sie aus „der luftigen Welt des symbolischen Spiels der Repräsentation“ ausbricht und sie „auf das Reich der täglichen Koexistenz übergreift“, ist es auch schon vorbei mit der Toleranz.

Was also tun? Zygmunt Bauman sieht die Möglichkeit, dass aus der Toleranz statt Entfremdung auch Solidarität entstehen kann. Wohlgemerkt sieht er die Möglichkeit, dass sie entstehen kann. Wenn wir den Wunschtraum nach Universalität und einer einzigen richtigen Lebensform aufgeben können, können wir erkennen, dass das Differente, welches wir nicht auf Abstand halten können, nur eine alternative Ausprägung der Reaktion auf die Kontingenz der Welt ist wie das auch unsere eigene Reaktion ist. Sie mag vielleicht alle möglichen Eigenschaften haben die sie von unserer Reaktion unterscheidet, allerdings ist sie nicht aufgrund der bloßen Tatsache, dass sie eine andere Ausprägung als unsere eigene ist, schlechter, minderwertiger oder gar unwert überhaupt zu existieren. Die Solidarität von der Bauman hier spricht ist in meiner Lesart eine die erkennt, dass das „Unsrige“ und das Differente, dass beide der Versuch einer Antwort auf das Problem der Kontingenz der Welt sind. Das ist das Verbindende. Jede Ausprägung dieses Versuchs ist eine unterschiedliche Antwort, allerdings auf die selbe Frage. Diese Erkenntnis löst keine Probleme, sie drängt sich aber, wenn wir die Geschichte der versuchten Antworten auf diese Frage und ihre horrenden Konsequenzen betrachten, als die wahrscheinlich einzige auf, die es wert ist weiter verfolgt zu werden.

„Das Recht des anderen auf seine Fremdheit ist die einzige Art, wie sich mein eigenes Recht ausdrücken, etablieren und verteidigen kann. Mein Recht setzt sich aus dem Recht des anderen zusammen.“

Literatur:

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„Phoenix“ von Christian Petzold

Der Plot von „Phoenix“ ist schnell erzählt: Eine junge Frau, die ein KZ überlebt hat, kommt nach dem Krieg nach Deutschland zurück. Ihr Gesicht muss chirurgisch wiederhergestellt werden. Sie sucht ihren Mann. Mehr will ich von der Geschichte nicht verraten. Ich würd sogar davon abraten den Trailer anzusehen, da er zu viel verrät (was Trailer üblicherweise immer tun).

„Phoenix“ zeigt nur auf den ersten Blick in einer plakativen Form, dass ein Anschluss an das Leben vor dem KZ, nach dem KZ nicht mehr möglich ist. Der Film zeigt die junge Frau wie sie versucht ihr Leben wieder in Besitz zu nehmen. Ihre Umgebung schwankt dabei aber zwischen nicht vergessen können was passiert ist (und daher nicht weitermachen können) und gar nicht zur Kenntnis nehmen, dass etwas passiert ist (was auch bedeutet, dass man nicht weitermachen kann). Sie will an ihr altes Leben anschließen, jedoch nicht ignorieren was ihr in der Zwischenzeit passiert ist. Es geht nicht darum, dass sie so traumatisiert vom KZ ist, dass sie persönlich nicht weitermachen kann, sondern, dass die Erfahrungen, die sie im KZ gemacht hat, es für sie unmöglich machen, einen Anschluss an ihre Umgebung zu finden. Sie wird ein zweites Mal zum Opfer weil ihr Opfer-Sein im Holocaust ignoriert wird oder weil sie darauf reduziert wird.

„Phoenix“ zeigt auf subtile und gleichzeitig großartige Weise was im Holocaust alles verloren ging.

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Die Nazis, die Ambivalenz und Wir (Teil 1)

Die moderne Existenz wird durch das moderne Bewußtsein sowohl geplagt wie zu ruheloser Aktion angestachelt; und das moderne Bewußtsein ist der Verdacht oder die Wahrnehmung, daß es der bestehenden Ordnung an Endgültigkeit fehlt; ein Bewußtsein, das von der Ahnung der Unangemessenheit, ja Lebensunfähigkeit des Ordnung-entwerfenden, Ambivalenz-eliminierenden Projekts angespornt und in Bewegung gesetzt wird; ein Bewußtsein der Zufälligkeit der Welt und der Kontingenz von Identitäten, die sie konstituieren.

Bauman versucht hier und an anderer Stelle zu beschreiben, dass die Welt als Chaos empfunden wird, dem man Ordnung durch Kategorisierung aufzwingen muss. Die Welt in ihrer Zufälligkeit und Kontingenz ist dem modernen Bewusstsein ein Grauen. Meine vorläufige These die die Nazis, den Drang zur Kategorisierung in der Moderne (und somit der immer wieder scheiternde Versuch Ambivalenz zu beseitigen) und unseren heutigen Umgang mit dem Holocaust zusammenbringen soll, ist offen gesagt nicht sehr optimistisch.
Wie gesagt hält das moderne Bewusstsein die Ambivalenz nicht aus und seine Strategie dagegen ist die Kategorisierung der Welt und des Lebens. In meiner Lesart haben die Nazis den (modernen) Versuch, die Welt und das Leben zu kategorisieren am bisher radikalsten durchgesetzt. Vorläufig sehr platt ausgedrückt kann man sagen, dass sie die der Moderne innewohnende Ambivalenz auf die Juden – natürlich nicht nur auf die Juden alleine – projizierten; sie quasi in die Körper der Juden versetzten und mit der Auslöschung der Juden das Ziel der Auslöschung der Ambivalenz verfolgt haben. Natürlich soll das nun keine Erklärung für den Holocaust sein. Der spannende Punkt ist, wenn wir die oben ausgeführte Idee mal als einen Aspekt des Holocaust sehen wollen, dass es den Nazis nie um die Durchführung des Holocaust ging, ja, dass sie die Durchführung selbst oft nicht ertragen konnten. Ihnen ging es um die abgeschlossene Endlösung. Das „Tausendjährige Reich“ musste als verwirklicht vorgestellt werden um die Mittel zu rechtfertigen bzw. zumindest abschwächen zu können die dorthin führen sollten. Alfred Schütz nennt das eine antizipierte Retrospektion. Am augenscheinlichsten wird dieses imaginieren eines Reiches das sein wird bei Albert Speers „Ruinenwerttheorie„. In dieser dreht Speer die Schraube noch eine Windung weiter in dem er auf das (vollendete) „Tausendjährige Reich“ als ein gewesenes hinblickt. Ja, er will seine Bauten so planen, dass sie selbst noch als Ruinen den Glanz des Reiches repräsentieren. Auf den Punkt gebracht: Den Nazis ging es nicht um die Vernichtung der Juden, auf die sie die Ambivalenz projizierten, sondern um das Nichtvorhandensein der Juden.

Das Befremdliche daran ist, wenn es denn stimmt, dass die Nazis die moderne Herausforderung der Kategorisierung auf eine bis dahin nicht vorstellbare Weise angegangen haben, dass unser Erlebnis der Lebenswelt bzw. des Alltags auch fundamental auf Kategorien beruht. Dass auch wir nur sehr eingeschränkt mit Ambivalenz umgehen können. (Nur als kleines Beispiel: Die Medien (und wir) schaffen es nur sehr schwer zu differenzieren, dass es unter den Flüchtlingen, die im Moment bei uns sind und noch zu uns kommen, „Gute“ und „Schlechte“ gibt; dass es welche gibt die Frauen angreifen und dass es welche gibt die einfach nur ein besseres Leben erhoffen. Und manchmal sind diese beiden Ausprägungen sogar in ein und der selben Person vereint, was die Ambivalenz auf die Spitze treibt.) Dass wir jede Erfahrung die wir machen in unseren bestehenden Sinnhorizont oder wenn man so will Referenzrahmen aufnehmen müssen bzw. diesen, im Falle einer Krise, neu arrangieren müssen. Und schließlich, dass diese Notwendigkeit auch heute wieder radikalisiert werden könnte, mit dem Wunsch, die Ambivalenz endlich verschwinden zu lassen.

Soweit ein paar erste Zeilen zu diesen Zusammenhängen. Leider merke ich, aufgrund der späten Stunde, dass ich nicht mehr in der Lage bin gut darauf einzugehen, weshalb ich diese Gedanken später fortsetzen werden. Nur kurz sei noch der weitere Rahmen abgesteckt: Mit dem „Projekt“ der Ausmerzung der Ambivalenz haben die Nazis völlig neue Erfahrungen, die sich in keinen bestehenden Sinnhorizont einordnen lassen, hervorgebracht. Und zwar in allererster Linie für die Opfer und hier im speziellen für die KZ-Häftlinge. Diese scheiterten und scheitern an dem Versuch die Erlebnisse, die sie innerhalb des Lagers gemacht haben, innerhalb unserer (außerhalb der KZs liegenden) Wirklichkeit anschlussfähig zu machen, sodass wir sie verstehen könnten.
Und schließlich haben die Nazis die Erfahrung des Holocaust als ganzen gebracht, welcher sich anscheinend nicht oder nur sehr schwer in irgendeinen (geschichtlichen) Bezugsrahmen stellen lässt. Daher auch immer wieder die Diskussion über die vermeintliche Einzigartigkeit des Holocaust.

PS.

„[D]ie Menschheit teilt sich in zwei Gruppen: ehemalige KZ’ler, und andere, die nicht wissen, was das Leben mit sich bringen kann und daher wirklich ist.“

Wenn das stimmt, dass sich die Opfer der Nazis als „wesensverschieden“ (ebd.) von allen anderen Menschen betrachten, dann haben die Nazis gewissermaßen gewonnen.

 

Literatur:

 

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Der Begriff des „Zivilisationsbruchs“

„Die Frage der Zwangsarbeit der Juden ist vielfach diskutiert worden, wobei die Hoffnung etwa der in den Gettos lebenden Juden, als Arbeitskräfte für die Deutschen wertvoll und deshalb vor der Ermordung geschützt zu sein, trog. Dass diese auf die Rationalität und die Interessen der Deutschen abzielenden Erwartungen der Juden enttäuscht wurden, hat Dan Diner als Kern des Begriffs ‚Zivilisationsbruch‘ herausgearbeitet.“

Ich konnte, bis ich diese Stelle gelesen hatte, mit der Idee, dass die Nazi-Herrschaft einen Zivilisationsbruch darstelle, nichts anfangen. Viel zu sehr schwang hier für mich immer die Floskel vom „Rückfall in die Barbarei“ mit, womit immer auch Distanz zwischen uns (den Nachgeborenen) und dieser Zeit und den Tätern geschaffen wird. Vielmehr hatte ich schon immer das Gefühl – und Zygmunt Baumann hat das dann am Begriff der Moderne ausgearbeitet – dass die Zeit der Nazi-Herrschaft von der unseren doch nicht so verschieden sein konnte. Meine Großeltern kamen ja aus dieser Zeit. Etwas barbarisches konnte ich an ihnen aber nie finden.

Nun stellt sich dieses Vokabel für mich aber anders da. Aus der obigen negativen Definition von Zivilisation könnte man in Schlagworten eine positive herleiten: Handlungssicherheit, kurz- und mittelfristige Planbarkeit, Gewohnheit. Also ungefähr das, was von Alfred Schütz als „Rezeptwissen“ definiert wird. Kurz gesagt kennen wir typische Situationen in unserer Lebenswelt und wissen, dass wenn wir so und so handeln, wahrscheinlich dieses und jenes Ergebnis erreicht wird. Das setzt allerdings voraus, dass ich meinen früheren Erfahrungen vertrauen kann und dass ich darauf vertrauen kann, dass die erlernten Strategien innerhalb dieser Erfahrungen auch für ähnliche zukünftige Ereignisse anwendbar sein werden. Ich wende also ein Rezept an.

Aus dieser Idee heraus ist der Begriff des „Zivilisationsbruchs“ zu verstehen. Es geht hier nämlich nicht um die Kontinuität der Lebenswelt der Tätergesellschaft, sondern um die Kontinuität der Lebenswelt der Opfer. Für die Opfer gab es keine anwendbaren Strategien aus früheren Erfahrungen mehr, die in der neuen Situation zu einem erwartbaren Ergebnis geführt hätten. Denn die neue Situation war mit keiner früheren Erfahrung zu vergleichen, daher gab es auch kein adäquates Rezeptwissen für diese.

Literatur:

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„…dann bin ich ja ein Mörder“ von Walter Manoschek

Der 2. Weltkrieg in Europa sollte nicht mehr lange dauern. Trotzdem wurde im Südburgenland noch am Südostwall gebaut. Und zwar von ungarisch-jüdischen ZwangsarbeiterInnen. Adolf Storms war zuerst bei der SS-Panzer-Division Wiking und schlug sich schließlich, auf der Flucht vor der Roten Armee, bis nach Deutsch-Schützen (!) im Südburgenland, direkt an der ungarischen Grenze durch. Am 29. März 1945 wurden ca. 60 jüdische Zwangsarbeiter, wahrscheinlich ohne Befehl unter HJ-Bannführer Alfred Weber und unter Beteiligung von Adolf Storms zu einer abgelegenen Kirche geführt und ermordet. Walter Manoschek rekonstruiert in „…dann bin ich ja ein Mörder“ zum einen die Geschehnisse des „Massakers von Deutsch-Schützen“ und konfrontiert den SS-Mann Adolf Storms 63 Jahre danach mit diesen Erkenntnissen.
Dieser Film zeigt meiner Meinung nach auf eindrückliche Weise wie Schuldabwehr funktionieren kann. In den Interviews mit Storms ist man sich nie sicher, ob er sich tatsächlich nicht an die Ereignisse erinnern kann (und wenn warum), ob er seine Involviertheit bewusst zurückhält und einfach lügt oder ob sich für ihn, bis zu diesem Film, tatsächlich nie die Frage nach einer persönlichen Schuld gestellt hat.